EINE KURZE GESCHICHTE der Gartenstadt Friesenberg

Die vom Engländer Ebenezer Howard Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Gartenstadt war als Gegenentwurf zur verdichteten, überlasteten und lebensfeindlichen Stadt gedacht. Als vor hundert Jahren auch in der Stadt Zürich Wohnungsnot herrschte, griff man am Friesenberg auf diese Idee zurück. Ab 1925 bauten dort gemeinnützige Wohnbauträger, hauptsächlich die Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ), Gartenstadtsiedlungen nach englischem Vorbild. So ist am Friesenberg im Verlaufe der Zeit eine grössere Gartenstadt entstanden, die in der Schweiz einzigartig ist.

 

Die Gartenstadtidee: Von England in die Schweiz

Neubausiedlungen mit grünem Umschwung werden gerne als „Gartenstadt“ bezeichnet. Mit der eigentlichen Idee der Gartenstadt haben solche Siedlungen freilich nicht mehr viel gemein. Die ursprüngliche Idee der Gartenstadt beruht auf einem ganz spezifischen Bebauungskonzept. Ihr Urheber ist der Engländer Ebenezer Howard, der diese Idee in seinem 1898 erschienenen Buch "Tomorrow, A Peaceful Path to Real Reform“ erstmals präsentierte.

Die sozialen und wirtschaftlichen Zustände in England am Ende des 19. Jahrhunderts: Gustave Doré, Durch London mit der Bahn (1870).

Die sozialen und wirtschaftlichen Zustände in England am Ende des 19. Jahrhunderts: Gustave Doré, Durch London mit der Bahn (1870).

Die Industrielle Revolution im 19. Jahrhundert führte zu einem dramatischen Bevölkerungswachstum in den Industriestädten und zu einer starken Abwanderung der Landbevölkerung. Bodenspekulanten verdienten viel Geld. Die Städte wuchsen dabei vielfach unkoordiniert, was zu ungesunden, beengten Wohnverhältnissen der Arbeiter führte.

 

Vorzüge von stadt und land in einem

Illustration “The three Magnets”. Ebenezer Howard, To-morrow. A peaceful path to real reform (1898). Neuauflage: Garden Cities of To-morrow (1902).

Illustration “The three Magnets”. Ebenezer Howard, To-morrow. A peaceful path to real reform (1898). Neuauflage: Garden Cities of To-morrow (1902).

Ebenezer Howard wollte mit der Gartenstadt ein Gegenmodell entwickeln. Stadt und Land, die wie zwei "Magneten" die Menschen anziehen, sollte ein dritter "Magnet" gegenübergestellt werden. Dieser dritte Magnet sollte die Vorzüge von Stadt und Land vereinen, ohne deren Nachteile fortzuführen.

 

Grund und Boden in gemeinschaftlichem Besitz, demokratisch verwaltet

Nach der Konzeption von Howard sind Gartenstädte eigenständige Städte im Grünen, in denen sich nicht nur Reiheneinfamilienhäuser mit Garten, sondern auch gesellschaftliche Einrichtungen und Fabriken befinden. Die Bauten sind ringförmig um einen "Central Park" angeordnet. Grund und Boden sind in gemeinschaftlichem Besitz und werden demokratisch verwaltet.

Die Gartenstadtidee war mehr als ein städtebauliches Konzept. Ihre Pioniere und Pionierinnen wollten nicht nur in territorialer Hinsicht Neuland gewinnen, sondern auch in sozialer. Ihre Utopie war eine gerechtere, auf Gemeinschaft basierende Gesellschaft.

Illustration “Group of slumless smokeless Cities”. Ebenezer Howard, To-morrow. A peaceful path to real reform (1898). Neuauflage: Garden Cities of To-morrow (1902).

 
Illustration “Garden City”. Ebenezer Howard, To-morrow. A peaceful path to real reform (1898). Neuauflage: Garden Cities of To-morrow (1902).

Illustration “Garden City”. Ebenezer Howard, To-morrow. A peaceful path to real reform (1898). Neuauflage: Garden Cities of To-morrow (1902).

Raymond Unwin und Barry Parker, Letchworth Garden City (ab 1903).

Raymond Unwin und Barry Parker, Letchworth Garden City (ab 1903).

Howard’s Gartenstadtidee hatte - im Zeitalter der Reformideen - sofort grosse Resonanz. In England wurde bereits 1903 Letchworth als erste "echte" Gartenstadt gegründet.

 
Heinrich Tessenow, Richard Riemerschmidt, Hermann Muthesius et al., Gartenstadt Hellerau, Dresden (ab 1909).

Heinrich Tessenow, Richard Riemerschmidt, Hermann Muthesius et al., Gartenstadt Hellerau, Dresden (ab 1909).

In Deutschland entstand die erste Gartenstadt 1909 in Hellerau, die allerdings unvollendet blieb.

Paul Robert Gerber, Siedlung «Schoren» der Eisenbahnergenossenschaft St. Gallen (1909–1914).

Paul Robert Gerber, Siedlung «Schoren» der Eisenbahnergenossenschaft St. Gallen (1909–1914).

Und auch in der Schweiz stiess die Gartenstadtidee auf fruchtbaren Boden: 1911 erstmals in St. Gallen mit der Schorensiedlung.



Und dann ab 1925 in Zürich am Friesenberg!

Der „schattige“ Friesenberg abseits der Stadt

Friedrich Fissler (Stadtbaumeister), Bebauungsplan Friesenberg (März 1918).

Friedrich Fissler (Stadtbaumeister), Bebauungsplan Friesenberg (März 1918).

Ursprünglich war der Friesenberg landwirtschaftliches Gebiet, das in einiger Entfernung zur Stadt lag. Der Name „Schweighof“ etwa bedeutet, dass man hier in spezialisierter Wirtschaftsweise Milch für den städtischen Markt herstellte. In der Binz und im Heuried befanden sich Lehmgruben und Ziegeleien. Ab 1875 durchschnitt im nordwestlichen Teil die Üetlibergbahn das Gebiet. Nachdem die Stadt Zürich am Friesenberg bereits 1896 Land für eine Arbeitersiedlung gekauft hatte, blieb der Ort trotz Wohnungsnot vorerst noch unbebaut. Der Friesenberg galt als zu schattig und abgelegen. 1909 lag ein erstes Projekt des Stadtbaumeisters Friedrich Fissler für eine Gartenstadt mit 400 einfachen Arbeiterhäuschen und stattlichen, öffentlichen Bauten vor. Aufgrund der schlechten Erschliessung versandete das Projekt jedoch.

 
Hermann Herter (Stadtbaumeister), Bebauungsplan Friesenberg (Februar 1920).

Hermann Herter (Stadtbaumeister), Bebauungsplan Friesenberg (Februar 1920).

Nach dem ersten Weltkrieg, der Zürich und die Schweiz in einer grossen Wohnungsnot und Inflation zurückliess, geriet der Friesenberg wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Das Gebiet war jetzt für den Bau der ersten Kolonien von „Kleinwohnungshäusern“ vorgesehen. Hierzu wurden 1919 an der Wibichstrasse in Wipkingen vier Versuchshäuser errichtet. 1920 entwarf Stadtbaumeister Hermann Herter einen neuen Bebauungsplan für eine Gartenstadt am Friesenberg.

Die FGZ als Pionierin

Dieses Inserat im Jahre 1924 im Tagblatt der Stadt Zürich, auf das sich über 200 Interessierte meldeten, bildete den Startschuss zur Überbauung des Friesenbergs.

Dieses Inserat im Jahre 1924 im Tagblatt der Stadt Zürich, auf das sich über 200 Interessierte meldeten, bildete den Startschuss zur Überbauung des Friesenbergs.

Im Jahr 1924 wurden die Familienheim Genossenschaft gegründet. In der Folge plante sie zusammen mit der Stadt die Errichtung einer Gartenstadt mit Einfamilienhäusern für kinderreiche Familien. Die Stadt erwarb laufend Grundstücke und verkaufte diese an die Familienheim Genossenschaft, so dass eine Etappe nach der anderen realisiert werden konnte.


Bau der gründeretappen (Etappe 1&2)

Die ersten beiden Etappen der FGZ („Gründeretappen“) wurden im Dreieck Üetlibergbahn-Schweighofstrasse-Friesenbergstrasse vom Architekten Fritz Reiber konzipiert. Noch im Jahr 1924 erfolgte die Baueingabe für die 1. Etappe. Bereits im Oktober 1925 wurden die ersten, meist noch unfertigen Häuser bezogen. 1926 folgte der Bau der 2. Etappe. 1927/1928 wurde das Genossenschaftshaus errichtet.

Die Gründeretappe folgt noch weitgehend den Gartenstadt-Konzepten der Vorkriegszeit. Aufgrund der dörflich-kleinstädtischen Ausprägung werden sie als „helvetisches Modell der Gartenstadt“ bezeichnet. Ihre besondere Qualität liegt in den einmaligen Garten- und klar gefassten Strassenräumen. Grosse Gärten wurden deshalb angelegt, Besonders ist auch die Kombination von Reihenhäusern und Geschosswohnungen im selben Baukörper.

Fritz Reiber, Etappen I und II der FGZ, Zürich Friesenberg (1924–1928).

Fritz Reiber, Etappen I und II der FGZ, Zürich Friesenberg (1924–1928).

 
Fritz Reiber, Etappen I und II der FGZ, Zürich Friesenberg (1924–1928).

Fritz Reiber, Etappen I und II der FGZ, Zürich Friesenberg (1924–1928).

Fritz Reiber, Etappen I und II der FGZ, Zürich Friesenberg (1924–1928).

Fritz Reiber, Etappen I und II der FGZ, Zürich Friesenberg (1924–1928).

 

Der Bau weiterer Gartenstadtsiedlungen am Friesenberg

Die weitere städtebauliche Entwicklung des Quartiers Friesenberg: Bebauung Mitte der 1930er Jahre und Bebauungsplan von 1920.

Die weitere städtebauliche Entwicklung des Quartiers Friesenberg: Bebauung Mitte der 1930er Jahre und Bebauungsplan von 1920.

In der kurzen Zeit zwischen 1929 und 1934 baute die FGZ nicht weniger als sieben weitere Etappen (Etappen 3 bis 9). Als Architekt fungierte Heinrich Peter. Er verfolgte dabei eine einfache Architektur mit seriellem bzw. rhythmisierendem Charakter:

– Etappe 3 „Grünmatt“ (1929), 48 Reihenhäuser. (2014 durch Neubauten ersetzt.)

– Etappe 4 „Staffelhof“ (1929), 59 Reihenhäuser

– Etappen 5 und 6 „Kleinalbis“ (1931), 96 Reihenhäuser

– Etappe 7 „Schweighofstrasse Mitte“ (1932), zweigeschossige Bauten mit 32 Dreizimmerwohnungen. Diese Etappe wurde 1989 durch Neubauten ersetzt.

– Etappe 8 „Grossalbis“ (1933), 74 Reihenhäuser

– Etappe 9 „Untere Schweighofstrasse“ (1934), 27 Reihenhäuser

Mit dem Bau all dieser Siedlungen entwickelte sich der Friesenberg allmählich zu einem eigenständigen Gartenstadtquartier moderner Prägung: durch Grünflächen rundum isoliert, mit nur fünf Meter breiten Wohnstrassen und eigenen Infrastrukturen wie dem Genossenschaftshaus, Kindergärten, Schule, Läden und Kirche - ganz im Howardschen Sinne.

Die FGZ war nicht die einzige, die sich am Bau der Gartenstadt Friesenberg beteiligte. Die ebenfalls 1924 gegründete Stiftung „Wohnfürsorge für kinderreiche Familien“ erstellte in den Jahren 1925 bis 1927 am Friesenberg ihre erste Wohnkolonie mit 52 Einfamilienhäusern sowie zwölf Zwei- und zwei Vierfamilienhäusern; diese Kolonie wurde in den 60er-Jahren durch zwei Punkthäuser mit Randbebauung ersetzt. Und die 1928 gegründete Heimgenossenschaft Schweighof Zürich baute am Friesenberg in den Jahren 1929/1930 eine Gartenstadtsiedlung mit 69 Reiheneinfamilienhäusern.

In den 40-Jahren setzte die FGZ den Bau von Gartenstadtsiedlungen fort

Hierbei waren verschiedene Architekten involviert.

– Etappe 12 „Rossweidli“ (1943), 89 Reihenhäuser

– Etappe 13 „Arbental“ (1944), 142 Reihenhäuser

– Etappe 14 „Bernhard-Jäggi-Weg (1945), 129 Reihenhäuser

– Etappe 15 „Schweigmatt“ (1948), 17 Mehrfamilienhäuser und 11 Reihenhäuser

– Etappe 16 „Adolf-Lüchinger-Strasse (1952/53), 13 Mehrfamilienhäuser und 90 Einfamilienhäuser

Ab den 50er-Jahren, d.h. ab Etappe 17 (Arbental II), baute die FGZ eine Weile nur noch Mehrfamilienhäuser. Dies bis zum Ersatzneubau für die Etappe 3 „Grünmatt“ (2014), wo sie wieder Mehrfamilienhaus- und Reihenhauszeilen kombinierte.

Literatur und Quellen

Amt für Städtebau (Hrsg.), Spezialinventar Wohnsiedlungen Friesenberg, 2006

Amt für Städtebau (Hrsg.), Abklärung der Schutzwürdigkeit, Familienheim-Genossenschaft (FGZ), 1. und 2. Bauetappe, 2013

Deutsches Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.), Gartenstadt 21, Band 1: Die Entwicklung der Gartenstadt und ihre heutige Relevanz, Bonn 2017

Familienheim-Genossenschaft Zürich, Wer sie ist, wie sie wurde, Zürich 1999

Hochbaudepartement der Stadt Zürich /Amt für Städtebau (Hrsg.), Baukultur in Zürich, Band IV: Wiedikon, Albisrieden, Altstetten, Zürich 2005

Kurz Daniel, Die Disziplinierung der Stadt – Moderner Städtebau in Zürich 1900 bis 1940, Zürich 2008

Posener Julius (Hrsg.), Ebenezer Howard Gartenstädte von morgen – Das Buch und seine Geschichte, Nachdruck der 1968 erschienen Erstauflage, Basel 2015

Stadtzürcher Heimatschutz (Hrsg.), Gartenstadt Friesenberg, Familienheim-Genossenschaft Zürich, Etappen I/II, Neujahrsblatt 2018, Zürich 2018, mit Beiträgen von Barbara Truog, Christoph Ramisch, Daniel Kurz, Lukas Zurfluh und Petra Hagen Hodgson