SIEBEN GRÜNDE für die Gartenstadt Friesenberg

"Verdichtung nach innen" ist die Devise der Stunde. Dieses Konzept ist sinnvoll, um Kulturland und Landschaften zu erhalten. Doch ein wichtiger Aspekt wird vernachlässigt: Der Verdichtungsdruck kann innerhalb des bestehenden Siedlungsgebiets auch Lebensräume erfassen, die ökologisch und sozial besonders wertvoll sind. Ein Beispiel ist die Gartenstadt Friesenberg. Dort sollen gemäss Masterplan FGZ – einem Grundlagenpapier von FGZ (Vorstand) und Stadt Zürich – bis im Jahr 2050 nicht weniger als neun Gartenstadtsiedlungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgebrochen und verdichtet neu gebaut werden, mit dem Ziel, 500 bis 700 zusätzliche Wohneinheiten für 1'400 bis 1'900 zusätzliche Personen zu schaffen. Dabei enthalten gerade diese Gartenstadtsiedlungen mögliche Antworten auf jene Herausforderungen, vor denen die moderne Raumplanung und Architektur aktuell steht.

Die Gartenstadt Friesenberg - ein Zukunftsmodell auch im 21. Jahrhundert.

1.   Artenreich

Stadtgärten wie die Hausgärten am Friesenberg sind für die Artenvielfalt äusserst wichtig. Das ist eines der Ergebnisse von "BetterGardens", einer Untersuchung, die das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) durchführen. Die Untersuchung warnt davor, Stadtgärten weiter zu verbauen.

Die Hausgärten der über 800 Reihenhäuser am Friesenberg sind – mit Ausnahme jener des Neubaus „Grünmatt“ – über Jahrzehnte gewachsene Ökosysteme. Alte Bäume, Wildhecken, verwachsene Steinmauern, unverdichteter Boden: Elemente wie diese tragen dazu bei, dass sich am Friesenberg besonders viele Tier- und Pflanzenarten tummeln. Kürzlich zählte eine Genossenschafterin in ihrem Hausgarten 24 Vogelarten.

Wird neu gebaut, werden diese Ökosysteme vernichtet: Bäume und Hecken werden gefällt, der Boden wird von schweren Maschinen verdichtet und damit unwohnlich für Würmer und Insekten. Auch wenn man neue Gärten anlegt, der ökologische Wert ist selbst Jahrzehnte später nicht wiederhergestellt, denn Bäume wachsen langsam und verdichteter Boden erholt sich nur schlecht.

Gartenstadt Friesenberg – schützenswerte Ökosysteme.

 

2.   Dicht

Auf dem gesamten FGZ-Areal am Friesenberg wohnen durchschnittlich 134,8 Personen pro Hektare. Für ein Familienquartier – in keinem anderen Quartier der Stadt Zürich ist der Anteil an Kindern und Jugendlichen so hoch wie am Friesenberg –  lässt sich dieser Wert sehen. Gemäss Regionalem Richtplan der Stadt Zürich entspricht dies nämlich einer mittleren Dichte im oberen Bereich. Die mittlere Dichte beginnt bei 100 und geht bis 150 Personen pro Hektare. Zwischen 150 und 300 Personen pro Hektare spricht man von hoher Dichte.

Interessant ist, dass einzelne ältere Gartenstadtsiedlungen am Friesenberg sogar eine hohe Dichte aufweisen. So hat der „Grossalbis“ eine Dichte von 158,7 und der “Kleinalbis” gar eine solche von 166,3 Personen pro Hektare. Zum Vergleich: Der „Brombeeriweg“, ein Mehrfamilienhaus aus dem Jahr 2003, weist eine Dichte von bloss 150 Personen pro Hektare auf.

Aufgrund ihrer Bauweise und der Belegungsvorschriften, die die FGZ als grösste Bauträgerin am Friesenberg kennt, sind die Gartenstadtsiedlungen am Friesenberg also dichter als man vielleicht denkt. Das Potential für Verdichtung am Friesenberg – und zwar nicht im Sinne von mehr Wohnfläche, sondern im Sinne von mehr Menschen – ist entsprechend zu relativieren.

Die Gartenstadt Friesenberg – Low rise, high density.

 

3.   Aussenräume, die funktionieren

Wer kennt nicht das Bild von gähnend leeren Aussenräumen vor Neubauten? Die Gartenstadt Friesenberg mit ihrer geglückten Lebendigkeit ist hierzu ein Gegenbeispiel. Die privaten Hausgärten rascheln nicht nur wegen der Hecken und brummen nicht nur wegen der Insekten, auch die Bewohner*innen und ihre Gäste halten sich gerne und oft in ihren kleinen Oasen auf. Die Erdverbundenheit der Reihenhäuser erlaubt den Menschen auch im Alltag, sich rasch und unkompliziert in der Natur zu entspannen.

Die Reihenhäuser und Gärten sind durch ein feinmaschiges Wegnetz miteinander verbunden. Dieses schafft vielfältige Blickbezüge und Begegnungsorte, was wiederum eine Vielzahl an sozialen Interaktionen ermöglicht: Hier winkt man sich durchs Küchenfenster, dort trifft man sich auf dem Wegli, da geht man kurz in den Garten – auf einen Schwatz, um mit etwas auszuhelfen, auf ein Bier. Vereinsamen wie in anderen Bauformen ist in der Gartenstadt Friesenberg weniger der Fall. Entsprechend bietet die Gartenstadt Friesenberg auch gute Voraussetzungen, um Ausländerinnen und Ausländer erfolgreich zu integrieren.

Die Gartenstadt Friesenberg – entspannt und verbindet.

 

4.   If you care - repair!

Wir bringen unseren Toaster ins Repair-Café. Aber gut erhaltene Häuser, ja ganze Siedlungen, sollen komplett abgerissen und neu gebaut werden?

Auch das Reparieren von Häusern lohnt sich für die Umwelt. Denn Neubauen treibt den Klimawandel voran. Die Emissionen der Bauindustrie sind immens: 7% des globalen CO2-Ausstosses stammen aus der Zementherstellung, 9% aus der Stahl- und Eisenproduktion. Und da ist der Diesel für die Baumaschinen noch nicht eingerechnet.

Reparieren spart im Übrigen nicht nur Energie. Es spart auch Geld – und sorgt so für den Erhalt von preisgünstigem Wohnraum.

Die Gartenstadt Friesenberg – yes, we care!

 

5.   Weniger Mobilität

Wer sich direkt “ums Huus ume” aufhalten kann, muss nicht quer durch die Stadt – oder hinaus aufs Land (oder nach Nepal), wo das ersehnte Grün wartet. Das Bedürfnis nach Erholung kann direkt im kleinen Hausgarten befriedigt werden. Die Babies können krabbeln und das Blätterspiel betrachten, andere Kinder wässerlen, sändelen, beobachten Käfer, klettern, gireizlen, zelten – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Eltern und Grosseltern gärtnern, lesen, diskutieren. Freizeit ist möglich ohne Reisen oder viel Konsum. Und mit etwas Selbstversorgung machen auch Gemüse und Früchte keine langen Wege mehr.

Die Gartenstadt Friesenberg – entschleunigt.

 

6.   Chancengleichheit

Ein eigenes Haus mit Garten ist nach wie vor der Traum Vieler. Aber wer kann sich das heute noch leisten?

Wenn man die Gartenstadtsiedlungen am Friesenberg abbricht, dann verschwindet in Zürich einer der letzten Orte, wo auch Familien mit einem normalen Portmonnaie ein eigenes (wenn auch bescheidenes) Häuschen mit Garten bewohnen können. Dann haben bald nur noch jene Personen und Kinder diese Möglichkeit, die sehr vermögend sind.

Die Stadt Zürich rechnet mit einem Bevölkerungswachstum bis im Jahr 2040 von 420‘000 auf 520‘000 Personen. Ob dieses Bevölkerungswachstum ökologisch und sozial sinnvoll ist, ist diskussionswürdig. Wenn man sich aber dazu entscheidet, dieses Wachstum aufzunehmen, dann müssen die Lasten fair verteilt werden. Dann sollten sich auch die reichen Zürcherinnen und Zürcher in ihrem Flächenverbrauch einschränken.

Die Gartenstadt Friesenberg – hohe Wohn- und Lebensqualität auch für Menschen mit wenig Geld.

 

7.   Und ein kulturelles Gut

Die vom Engländer Ebenezer Howard entwickelte Gartenstadtidee war ein Gegenentwurf zur verdichteten, überlasteten, lebensfeindlichen Stadt des 19. Jahrhunderts. Als vor hundert Jahren in Zürich Wohnungsnot herrschte, griff man am Friesenberg auf diese Idee zurück, um für die Arbeiterschaft gesunde Wohnverhältnisse zu schaffen. Die ab 1925 etappenweise erbauten Gartenstadtsiedlungen bilden zusammen ein Gartenstadtquartier, das punkto Ausmass und Konsequenz in der Schweiz einzigartig ist.

Viele Generationen von Familien haben seither von dieser Pionierleistung profitieren können. Die Gartenstadt Friesenberg ist aber nicht nur identitär für die Bewohner*innen, sondern auch für angrenzende Quartiere und die Stadt Zürich insgesamt geworden. Nicht ohne Grund ist die Gartenstadt Friesenberg ein beliebter Spazierort über die Quartiergrenzen hinaus. Ihre Lebendigkeit und Idylle haben grosse Anziehungskraft. Die Gartenstadt Friesenberg hat deshalb auch einen kulturellen Wert, den man nicht leichtfertig opfern darf. 

Auch am Friesenberg gibt es Orte, die weniger gut funktionieren und wo Neubauten einen erheblichen Mehrwert schaffen können. An diesen Orten sollte das Verdichtungspotential ausgeschöpft werden – mit innovativen und mutigen Projekten. Zusammen mit den historischen Gartenstadtsiedlungen kann der Friesenberg so ein Stadtquartier werden, das nicht nur den Anteil an preisgünstigem Wohnraum erhöht, sondern zugleich planerisch und architektonisch neue Massstäbe setzt. 

Die Gartenstadt Friesenberg – Denkmal und Zukunftsmodell zugleich.